Littering-Projekt

Buchtexte zur Ausstellung am Rhein, vom 11. Juni 2021 bis 26. Juni 2021

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Was hat Littering, was hat Plastik mit der Nahrungskette zu tun?

Gaby Gorsky, ein Forscher des Labors für Ozeanografie in Villefranche-sur-Mer, in Frankreich sagte einmal zu seinen Studenten: «Ihr braucht die Plastiktüten nicht wegzuwerfen. Würzt sie gut und esst sie direkt. Denn sie landen ohnehin auf Euren Tellern, in welcher Form auch immer.»

Wenn ich am Rhein unterwegs bin, geht mir diese Aussage immer wieder durch den Kopf. Wie kommt er zu dieser Aussage und ist da wirklich etwas dran? Essen wir Plastik? Das klingt so eklig, dass ich dem nachgegangen bin.

Plastik ist heute unersetzlich. Massgeschneidert bei niedrigen Herstellungskosten. Doch dieses «perfekte» Material, das unseren Alltag erleichtert, ja erst ermöglicht, wird zum Riesenproblem, sobald wir es nichtmehr brauchen. Sehr viel Plastik brauchen wir sehr schnell nichtmehr.

Die Welt erstickt im Plastik. Plastik ist heute ein fester Bestandteil unserer Gewässer und Ozeane, genau wie Algen oder Plankton. Menschen werfen Müll in den Rhein, oder der Wind weht ihn dort hin. Das geschieht überall, nicht nur am Rhein, an allen Gewässern und am Meer. Auch Schiffe entledigen sich des Mülls auf den Meeren. Und doch findet sich nur ein kleiner Teil des Plastiks, in den fünf riesigen Müllwirbeln der Ozeane. Wohin also «verschwindet» das Plastik?

Das Plastik verschwindet nicht. Es zerlegt sich vom Makroplastik, also den Tüten, Flaschen und Verpackungen, zu Mikroplastik, den immer winziger werdenden Bruchstücken. Dieses verteilt sich so fein, dass man es heute überall findet: Von der Arktis, über die tropischen Gewässer, bis in die Antarktis, vom Meer bis in das ewige Eis der Berge. Und immer mehr auch in den Organismen der Nahrungskette.

Bisher ist noch kaum bekannt, was das Mikroplastik mit unserem Ökosystem anstellt und wie es unsere Gesundheit schädigt. Als gesichert gilt, dass Mikroplastik nicht nur aus allerlei Schadstoffen besteht, sie wirken auch wie Magnete auf weitere Schadstoffe, Bakterien, Algen und Schalentiere, die dem Plastik anhaften. Über Planktonfresser gelangen diese Schadstoffe auf dem Mikroplastik dann in die Nahrungskette und damit auch auf unsere Teller.

Bei den Mengen, die in den Gewässern landet, müsste das Plastik in den fünf riesigen Müllwirbeln in den Ozeanen, stetig zunehmen. Tatsächlich bleibt die Menge dort aber relativ stabil, bei geschätzten 50 Milliarden Teilen und einem Gewicht von 236´000 Tonnen, was ca. 1% der Müllmenge entspricht, die Jährlich im Meer landet. Wo bleiben die restlichen 99% des Mülls?

Zum einen sind alle Meeresströme der Welt, miteinander verbunden und somit auch die Plastikstrudel. Damit kann jedes Plastikteil, überall in allen Meeren und Küsten wieder auftauchen. Zum anderen wird das Plastik immer weiter zerkleinert, bis man es nichtmehr sieht. Doch es ist noch da, unsichtbar! Wenigstens ein Teil davon. Und der Rest? Das Plastik «verschwindet» von der Oberfläche.

2010 Entstanden rund 275´000´000 Tonnen Plastikmüll, davon wurden 31´100´000 Tonnen unsachgemäss entsorgt. Davon wiederum gelangten etwa 8´000´000 Tonnen in die Weltmeere. Erst einmal im Meer, verliert sich meist die Spur des Mülls. Doch wohin ist der ganze Müll «verschwunden»? Der Zerfall in immer kleinere Teile könnte ein Grund sein, dass wir ihn nicht finden. Die Partikel sind überall, aber so winzig, dass sie schwer aufzuspüren sind, trotz der gigantischen Menge.

20 Kilometer vor der Mittelmeerküste, in 1000m Tiefe zum Beispiel, finden sich Berge von intakten Plastikflaschen und anderen Plastikmüll aus den 60er Jahren. Ohne Licht, Sauerstoff und Wellenbewegung, dauert der Plastikabbau in der Tiefe, unendlich viel länger als an der Meeresoberfläche. Plastik sammelt sich in Rinnen am Meeresboden und «fliesst» in die Tiefe, wo es sich dann in der Tiefsee sammelt und kaum zersetzt werden kann.

Forscher finden Mikroplastik an Nesseltieren, Würmern und Korallen der Tiefsee. Die Konzentration von Plastik in Wasserproben in 3000m Tiefe, ist 1000-Mal grösser als an der Oberfläche. Plastik befindet sich in allen Wasserschichten, mit zunehmender Konzentration, bei zunehmender Tiefe und sammelt sich in Senken. Es hat sich längst in die Nahrungskette eingegliedert und wandert in der Nahrungskette von einem Organismus zum anderen. In grossen Teilen der Weltmeere besteht das Plankton zu gut 50% aus Plastik. In den Verdauungssystemen der Planktonfiltrierer, wie Walhaie, Heringe, Makrelen und Bartenwalen, landet also sehr viel Plastik. Aber auch Muscheln, Röhrenwürmer, Korallen und Schwämme ernähren sich vom kontaminierten Plankton. Viele Planktonfresser, wie Heringe, Makrelen und Muscheln landen direkt auf unserem Teller, damit auch das Plastik.

Mikroplastik kann die Magenwand durchdringen und in den Blutkreislauf und das Lymphsystem gelangen und so in weitere Organe und Gewebe. Welche Konsequenzen das Plastik in den Organen hat, ist noch wenig erforscht. Es hat sich aber gezeigt, dass Jungfische, die mit Mikroplastik gefüttert wurden, um die Plastikteile herum, häufig Leberkarzinome bilden.

Mikroplastik wird von Algen, Bakterien und Schalentieren besiedelt. Das Plastik wandert auf den globalen Meeresströmungen an weit entfernte Orte. Es kann an jeden Ort, der Meere gelangen. Auf diesem Weg ist genug Zeit für die Organismen, sich den neuen Umweltbedingungen anzupassen. So entstehen neue Arten, dank Plastik. Mikroplastik ist so ein bedeutender Weg zur Entstehung und Ausbreitung der Arten! Plastikabfälle sind für diese Organismen ein neues Transport-, Entwicklungs- und Verbreitungsmittel. Die Entstehung von 120 neuen Arten an der kanadischen Küste, ausgehend von einem grossen Stück Plastik, das durch eine japanische Flutwelle angespült wurde, hat Forscher davon überzeugt.

Mikroplastik in den Gewässern, unsichtbar, aber auch ungefährlich? Vieles spricht dafür, dass es uns nicht guttut, fast Alles spricht dafür, dass es der Umwelt schadet. Plastik, grundsätzlich jeder Abfall, gehört entsorgt, besser recycelt aber auf keinen Fall in die Umwelt. Denn früher oder später landet es auf unseren Tellern.

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