Littering-Projekt

Buchtexte zur Ausstellung am Rhein, vom 11. Juni 2021 bis 26. Juni 2021

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Littering aus umweltpsychologischer Sicht

 

Die IPU Schweiz ist ein Verein zur Förderung der Umweltpsychologie in der Schweiz. Unser Ziel besteht darin, die Umweltpsychologie in der Öffentlichkeit bekannt zu machen und deren gesellschaftlicher Beitrag und praktische Anwendung zu verbreiten, sowie die Vernetzung zwischen verschiedenen Akteuren im Bereich Umweltpsychologie zu stärken.

Text:

Dr. sc. Marc Baumgartner

Co-Präsidium IPU / Verein für

Umweltpsychologie Schweiz

www.umwelt-psychologie.ch

Die Umweltpsychologie befasst sich mit der Interaktion Mensch-Umwelt. Sie untersucht sowohl die Einflüsse der Umwelt auf den Menschen, als auch die Beeinflussung der Umwelt durch den Menschen. Der Mensch wird als Verursacher, Betroffener und potentieller Bewältiger von Umweltproblemen gesehen. Die Umweltpsychologie ermöglicht es umweltschädliches Verhalten zu erklären und umweltschonendes und nachhaltiges Verhalten zu fördern. Somit ist Littering auch für die Umweltpsychologie von Bedeutung.

Die Ursachen für Littering sind vielfältig. Der öffentliche Raum, aber auch die freie Natur, wird zum mobilen Raum. Viele Aktivitäten verlagern sich aus dem privaten Bereich in die Öffentlichkeit, wie beispielsweise das Essen über den Mittag draussen auf der Parkbank oder am Abend das gemütliche Beisammensein am Flussufer. Ein weiterer Grund findet man in der geringen sozialen Kontrolle im öffentlichen Raum, das heisst, Anonymität erhöht die Wahrscheinlichkeit des Litterings. Ein Phänomen, das durch entsprechende Gruppeneffekte häufig noch verstärkt wird. Persönliche Einstellungen und Wertehaltung tragen ebenfalls wesentlich zum Littering bei. Dinge, die einen Wert haben, werden nicht zurückgelassen und Orte, zu denen eine persönliche Verbindung besteht, werden weniger verschmutzt. Der Wert von Abfall im Zusammenhang mit Recycling wird häufig nicht erkannt. Der Umwelt wird, zumindest kurzfristig, nicht genügend Beachtung und Wertschätzung beigemessen. Weitere Gründe sind der vermehrte Einsatz von Einwegverpackungen und reine Bequemlichkeit. Hinzu kommt die Einstellung, dass Littering offensichtlich kein Problem darstellt, da die Abfälle ja regelmässig zusammengeräumt und entsorgt werden. Wieso soll ich mich um etwas kümmern, um das sich andere Menschen kümmern? In der Psychologie spricht man von Verantwortungsdiffusion. Es ist ein ähnliches Phänomen, wie das Aufräumen zu Hause. Solange jemand da ist, der für Ordnung sorgt, werde ich es selber nicht machen. Ich gebe die Verantwortung ab.

Die Auswirkungen des Litterings lassen sich in drei Kategorien aufteilen: ästhetische, ökologische und ökonomische Auswirkungen.

Ästhetische Auswirkungen: Sauberkeit ist ein wesentlicher Bestandteil und wichtiger Aspekt für die Lebensqualität der Bevölkerung und das Image einer Stadt oder eines anderen öffentlichen Raumes. Littering ist eine optische Belästigung und beeinträchtigt somit die Qualität eines Lebensraumes.

Ökologische Auswirkungen: Gelitterte Materialien lassen sich nicht in Stoffkreisläufe zurückführen und werden somit der Wiederverwertung entzogen. Es müssen neue Ressourcen mit all den damit einhergehenden Umweltauswirkungen gewonnen und verarbeitet werden. Littering ist ebenfalls eine Gefährdung für Tiere und Pflanzen.

Ökonomische Auswirkungen: Littering ist teuer. Die Reinigungskosten belaufen sich jährlich auf ca. CHF 200 Millionen. Zusätzlich fallen hohe Kosten für Präventionsmassnahmen und Aufklärungskampagnen an.

Littering kann nur wirkungsvoll bekämpft werden, wenn verschiedene Massnahmen kombiniert werden. Die grösste Wirkung zeigen Massnahmen, die bei der Einstellung und beim Verhalten der Menschen ansetzen. Öffentlichkeitsarbeit, Sensibilisierung und Informationsvermittlung sind dabei zentral. Die Auswirkungen von Littering müssen bekannt gemacht werden. Der Aufbau von umweltbezogenem Wissen und konkreten Handlungskompetenzen ist vor allem bei jungen Menschen sehr wichtig. Sensibilisierungs- und Informationsarbeit ist somit sinnvoll, zeigt aber nicht immer genügend Wirkung. Deshalb werden in einigen Kantonen und Städten die gesetzliche Grundlage für eine Littering-Busse geschaffen. Doch auch Sanktionen sind nur bis zu einem gewissen Grad zielführend. Die Umweltpsychologie fördert daher auch ein tiefenökologisches Verständnis im Umgang mit der Natur. Die Tiefenökologie ist ähnlich der Tiefenpsychologie ein Ansatz, der in die Tiefe geht und grundlegende Veränderungen in den Einstellungen und dem Verhalten des Menschen fördert. Sie möchte damit einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel, einen Paradigmenwechsel anregen und zu einer ökologischen Lebensweise, einer ganzheitlichen, lebensfördernden Art zu leben beitragen. Die Ursache für Störung und Zerstörung der Umwelt liegt für die Tiefenökologie in der Entfremdung und im Bruch der menschlichen Beziehung zur natürlichen Umwelt. Die Umweltpsychologie fördert daher auch Massnahmen, die diese tiefe Verbundenheit zur Natur und das daraus entstehende Verantwortungsbewusstsein für den Erhalt unserer natürlichen Mitwelt unterstützen.

Die traditionelle Umweltpsychologie befasst sich mit so genannten Mensch-Umwelt-Interaktionen, das heisst, sie untersucht sowohl die Einflüsse der Umwelt auf den Menschen als auch die Beeinflussung der Umwelt durch den Menschen. Umwelt beinhaltet im umfassenden Sinn die natürliche, die gebaute und die soziale Umwelt.

Seit den 70er Jahren hat sich die Aufmerksamkeit mehr und mehr der Umweltkrise und dem Menschen als ihrem Verursacher, Betroffenen und potentiellen Bewältiger zugewandt. Dieses Teilgebiet der «ursprünglichen» Umweltpsychologie beschäftigt sich mit Fragen wie

• Wie nehmen Menschen die Umweltkrise wahr?

• Wie lässt sich umweltschädliches bzw. umweltschonendes Verhalten erklären?

• Wie lassen sich Menschen für die Umweltproblematik sensibilisieren?

• Wie lässt sich umweltschonendes Verhalten fördern?

Um diese Fragen zu beantworten, werden Erkenntnisse psychologischer Grundlagendisziplinen wie Sozial-, Lern- oder Wahrnehmungspsychologie auf die Umweltproblematik angewendet. Mit Hilfe dieser Erkenntnisse können Massnahmen, die auf die Veränderung von Umweltverhalten abzielen, effizienter und erfolgreicher gestaltet werden, indem ihre Akzeptanz erhöht und die Motivation zur Teilnahme gesteigert wird. Hierfür ist die Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, die sich mit der Umweltfrage beschäftigen – etwa den Umweltnaturwissenschaften, der Technik oder der Ökonomie – hilfreich.

Im Fachgebiet Umweltpsychologie wird umweltrelevantes Verhalten von Menschen untersucht und neue Wege gesucht, um entsprechende Einstellungen und Verhaltensweisen positiv zu beeinflussen. Dadurch soll ein nachhaltiger Umgang mit der Umwelt als Ressource und Erholungsraum in der Bevölkerung gefördert werden. Psychologisches Wissen ist in den unterschiedlichsten Bereichen hilfreich und kann im Alltag sinnvoll eingesetzt werden. Sei es bei Fragen zu Konsum, Ernährung, Mobilität, Abfallentsorgung und -vermeidung, Energiesparen, Akzeptanz umweltschonender Massnahmen, Suffizienz, etc.

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Kontakt: Littering@ag-kaeppeli.ch

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