Littering-Projekt

Buchtexte zur Ausstellung am Rhein, vom 11. Juni 2021 bis 26. Juni 2021

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Warum ich mich mit dem Thema «Littering» beschäftige, warum ich es als «elegantester Strassenwischer» (TeleBasel) mache und was mich dabei bewegt, erfahren Sie in dieser Einführung.

 

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich Abfall sammle und warum ich das in edler Kleidung mache. Es scheint auch sehr unglaubwürdig zu sein, dass das jemand freiwillig, aus freien Stücken, in seiner Freizeit tut. Selbst seitens Littering-Organisationen wurde angezweifelt, dass ich das freiwillig mache. Die Antwort ist einfach und vielschichtig zugleich. Die einfache Antwort: Ich liebe meine Stadt, das St. Johann, das Rheinbord und ich mag es sauber. So einfach!

Dahinter steckt natürlich noch deutlich mehr. Die «Geburt» des «elegantesten Strassenwischers» (Tele Basel) war vor einigen Jahren, am ersten warmen Wochenende Anfang April. Es war ein herrlich sonniger und warmer Sonntagmorgen. Wie so oft drehte ich mit der Kamera meine Runden am Rhein. Vier Viking-Kreuzfahrtschiffe lagen vor Anker. Edle Schiffe für anspruchsvolle Passagiere. Doch da passte etwas absolut nicht ins Bild: Das Rheinbord und die Berme sahen aus, wie eine Müllhalde. Das Erste, was die noblen Passagiere von Basel sehen, ist eine Müllhalde. Das darf nicht der erste Eindruck von Basel sein! Darum nahm ich Tags darauf, Kontakt mit der Stadtreinigung auf und bot an, an den Wochenenden, freiwillig, den Abfall weg zu räumen. Heute verstehe ich gut, warum mein Angebot nur auf mässige Freude, ja eher auf Misstrauen stiess. Heute weiss ich auch, dass ich zu Beginn überprüft wurde. Mit den Frontmitarbeitern hatte ich jedoch rasch ein sehr schönes Verhältnis. Auch die Feriengäste haben ihre Freude an diesem Exoten.

Ich sehe die Vermüllung dieser wunderbaren Plätze als Spiegel und Symptom unserer immer schneller drehenden Konsumgesellschaft und der damit einhergehenden Gedankenlosigkeit als ein Soziologisches Problem. «Ich, jetzt, hier! Was nach mit ist? Egal!» Meine Beobachtung ist, dass sich diese Gedankenlosigkeit, quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten zieht. Über Mittag sind es eher Business-Menschen, im Anzug oder eleganten Zweiteiler. Abends sind es mehrheitlich Jugendliche und junge Erwachsene, die Party machen und einmal «die Sau rauslassen». Was sich auch am sehr hohen Geräuschpegel bemerkbar macht. Wenn ich abends auf dem St. Johanns-Rheinweg heimwärts laufe, sehe ich Gruppen von Jugendlichen, ausgestattet mit diversen Trag- und Rucksäcken voll mit Getränken und Junkfood. Am nächsten Morgen zeigt sich dort dann ein trauriges Bild: viele angebrochene Energy-Drinks, angefressener Junkfood und halb leere Flaschen billigsten Wodkas. Seit zwei, drei Jahren finde ich immer mehr auch Grosspackungen von Tampons, Kopfschmerztabletten und CO2-Patronen. Zur Verwendung dieser drei Dinge, möchte ich hier nicht noch eine Anleitung bieten. Es geht offensichtlich darum, sich möglichst effizient und billig «abzuschiessen». Also möglichst schnell, möglichst weit weg der Realität zu sein. Was ist mit diesen jungen Menschen passiert, dass sie der Realität so entfliehen müssen? Klar, dass in diesem Zustand nicht nur Abfall, sondern alles mögliche liegen bleibt und sehr viele Scherben entstehen. In der Regel liegen genug Tragtaschen herum, um den ganzen Müll da rein zu packen, und ihn in den bereitstehenden Container oder Mistkübel zu entsorgen. Sind das etwa die gleichen Jugendlichen, die freitags für ihre Zukunft demonstrieren? Was für ein Widerspruch das wäre!

Wenn ich unterwegs bin, werde ich oft angesprochen. Ich nutze diese Gelegenheit auch, um über das Littering zu sprechen. Interessanterweise ist es allen bewusst, dass Abfall richtig entsorgt gehört. Ausnahmslos alle berichten mir, dass sie sehr umweltbewusst leben würden und selbstverständlich nicht nur ihren persönlichen Abfall mitnehmen, sondern auch der, der ringsum liegt. Wäre dem so, könnte man überall vom Boden essen. Wo nur sind all die Menschen, die ihren Abfall liegenlassen? Fällt der Mist vom Himmel? Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache, bestätigt Forschungsergebnisse: Treffe ich auf Menschen, die Abfall verursachen und mache sie freundlich darauf aufmerksam, dass sie ihren Abfall bitte in die bereitstehenden Container entsorgen sollen, bleibt garantiert ein Berg Abfall liegen. Offenbar fühlen sich die Angesprochenen in ihrer Freiheit beschränkt und reagieren mit einer Trotzreaktion. Dass die Nutzer des Rheinufers, durchaus wissen, dass sie ihren Abfall richtig entsorgen müssten, zeigt auch das Verhalten, den Abfall zu verstecken. Da wird gerne ein sehr grosser Aufwand betrieben, den eigenen Abfall «unsichtbar» zu machen. Das zeigt sich auch dann, wenn das hohe Gras am Rheinbord gemäht wird. Danach sammle ich nur noch etwa die Hälfte des Abfalls, wie bei hohem Gras. Da scheint offenbar noch eine Art «Restscham» vorhanden zu sein.

Was also tun, wenn doch alle genau wüssten, wie sie sich zu verhalten hätten? Das Umweltbewusstsein und das Wissen über das notwendige Verhalten und das tatsächliche Verhalten, geht nach meiner eigenen Beobachtung, am meisten bei der jungen Generation auseinander. Den Jungen ist völlig klar, dass wir das Ruder dringend rumreissen müssen, um unseren Planeten noch zu retten. Sie engagieren sich und demonstrieren für ihre Zukunft. Die gleiche Generation ist aber dem masslosen Konsum verfallen. Nutzt immer neuste Technik, macht gerne Party und konsumiert Junkfood. Lebt «to go». Dafür kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Die Wirtschaft ist schliesslich darauf ausgerichtet, möglichst viel Konsum zu generieren. Die Industrie, das Gewerbe tut Alles, damit es möglichst einfach wird zu konsumieren. An jeder Ecke gibt es Lebensmittel «to go», in viel Verpackung. Die Grossverteiler geben sich einen grünen Anstrich mit Nachhaltigkeitsabteilungen und mit der Teilnahme an den Basler Littering Gesprächen. Verdienen dann gutes Geld mit der Mitnahmeverpflegung, deren Verpackungen überall liegen bleibt. Aber auch die Industrie und die Grossverteiler stecken in einem Korsett von Gesetzen und wirtschaftlichen Interessen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Grossverteiler, begünstigt die Vermeidung von Littering nicht. Für mich ist klar, die Bevölkerung, gegen die Wirtschaft zu «erziehen», geht nicht. Die Wirtschaft und damit die Gesetzgebung muss dazu gebracht werden, keinen Abfall mehr zu produzieren. Vielleicht extrem hohe Steuern auf Verpackung oder der Zwang zu Retour-Verpackung mit hohem Depot. Die Buvetten und Bars am Rhein erheben Fr. 2.- pro Gebinde. Das kümmert offenbar nicht viele, wenn so viel Depot-Geschirr am Rhein liegen bleibt. Fr. 2.- Depot scheint viel zu wenig Anreiz, um ein Glas wieder zurück zu bringen. Das zeigt, dass die Anbieter und der Gesetzgeber gefordert sind, die Konsumenten dazu zu bringen, die Verpackung wieder zurück zu bringen, selbst die Verpackung zu vermeiden, oder mit Mehrwegverpackungen zu ersetzen. Denn ganz grundsätzlich muss es darum gehen, Verpackung und damit Abfall zu vermeiden. Einwegverpackungen müssen unbedingt vermieden, vielleicht sogar verboten werden. So werden Rohstoffe eingespart und die Umwelt geschont. Denn Littering ist sowohl ein optisches wie auch ein Ressourcen und Umweltproblem und geht damit Alle an.

Ich muss aber feststellen, dass Abfall in der Umwelt, dass Littering, weder bei den Grossverteilern (als Abfall Emittenten, durch den Verkauf mobiler Verpflegung), noch bei Leidtragenden, wie Basel Tourismus, ein Thema ist, dem man sich widmen möchte. Die «Basler Littering-Gespräche» sind eine Arbeitsgemeinschaft, in der sich Behörden und Wirtschaft in partnerschaftlicher Weise seit fast zehn Jahren gegen Littering engagieren. Die Arbeitsgemeinschaft setzt sich zusammen aus Coop, Migros, Manor, McDonalds, Valora, Gewerbeverband Basel-Stadt, Pro Innerstadt sowie dem Amt für Umwelt und Energie und der Stadtreinigung. Diese sitzen an einem Tisch und engagieren sich immer wieder in verschiedensten Aktionen für eine saubere Stadt Basel. Ausser dem AUE und der Stadtreinigung, war kein Teilnehmer der Basler Littering Gespräche bereit, sich in diesem Buch zu äussern, was Littering für sie bedeutet und wie sie mit diesem Thema umgehen. Reflexartig frage ich mich, ob die Abteilungen für Nachhaltigkeit und die «Basler Littering Gespräche», nur greenwashing für die Müllemittenten sind. Wie immer ist die Realität aber viel komplexer. Die Bio-Gurke wird nicht aus lauter Lust am Abfall, in Plastik verpackt.

Mit Aufrufen in den Sozialen Medien und mit Flyern, rief ich auf, dass sich auch Nutzer des Rheinufers, zum Thema äussern sollen. Ohne Resonanz. Auch dies erstaunt mich, da das Thema auf der Strasse die Gemüter enorm erhitzt und die abstrusesten Reaktionen auslöst. Noch nie habe ich jemanden gefunden, den der Abfall nicht stört, noch nie jemanden, der sagte, dass er seinen Mist liegenlasse. Ich finde nur Menschen, die selbstverständlich immer, konsequent alles wieder mitnehmen, auch was nicht von ihnen selbst ist. Trotzdem liegt überall Müll.

Es ist mir klar, im Augenblick ist Corona, die Gesellschaft schwankt zwischen Teilöffnungen, Teil-Lock downs und ist Lock downs. Vieles ist jetzt schwieriger, ungewohnt. Alle beschäftigen sich nur noch mit Corona und Corona muss für viele Versäumnisse herhalten. Es ist das Alles beherrschende Thema. Bei dem ganzen Corona-Verdruss, der mittlerweile um sich greift, wäre ein brennendes Umweltthema, vielleicht eine Anregung, auch wieder über unsere Klimazukunft und damit über unser künftiges Leben nachzudenken. Littering ist ein Teil, der Ressourcenverschwendung, die wir heute betreiben. Ich denke, das Littering-Projekt wäre einen Beitrag wert. Littering geht uns Alle an.

 

So viel Abfall pro Kopf und Jahr fällt in den verschiedenen Ländern der EU an.

Quelle: Eurostat

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Kontakt: Littering@ag-kaeppeli.ch

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